01/07/2026 0 Kommentare
Theologisch fundiertes Nichtstun
Theologisch fundiertes Nichtstun
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Theologisch fundiertes Nichtstun
Die Hitze konnte der „gechillten“ Stimmung nichts anhaben: Auf Einladung des Evangelischen Dekanats Dreieich-Rodgau feierten Gläubige aus dem gesamten Kirchenkreis in der voll besetzten Seligenstädter Kirche einen sowohl inhaltlich als auch musikalisch außergewöhnlich gestalteten Sommergottesdienst. Im Mittelpunkt stand das Thema Pause – als geistliche Ressource und als Gegenentwurf zu einem Alltag im Dauerlauf. Die Liturgie gestalteten Pfarrerin Simona Lita, Pfarrer Alexandru Lita und Lektorin Heidi Rosellen, die Predigt hielten die Steinheimer Pfarrerin Christina Schultheis und Dekan Steffen Held gemeinsam, die musikalische Leitung lag bei Dekanatskantorin Dorothea Baumann.
Für einen kleinen Luftzug sorgten die offenstehenden Kirchentüren Zudem hatte Dekanatspräses Dr. Michael Grevel direkt bei seiner Begrüßung die Gottesdienstbesucherinnen und Besucher herzlich eingeladen, sich an den bereitgestellten Wasserflaschen zu bedienen.
Unter dem Motto „Summertime – and the livin’ is easy“ verband der Gottesdienst sommerliche Leichtigkeit mit einer biblischen Grundidee aus der Schöpfungsgeschichte, die bekanntlich nicht mit Aktivität, sondern mit einem Innehalten endet: „Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken…“ In ihrer humorvollen Dialogpredigt griffen Christina Schultheis und Steffen Held diesen Gedanken auf. Mit ihren ebenso originellen wie theologisch fundierten Ausführungen brachten sie die Gemeinde gleichermaßen zum Nachdenken wie zum Lachen.
Der Sonntag als gestalteter Ruhetag
Held, angetan mit Sonnenbrille und sommerlichem Strohhut, will sich gerade erschöpft in die zu diesem Zweck im Altarraum platzierte Hängematte fallen lassen, um sich von den Strapazen der vergangenen Wochen und Monate zu erholen. Da erscheint Christina Schultheis mit Laufschuhen an den Füßen im Sturmschritt, um mit ihm wichtige Akten durch- und Checklisten abzuarbeiten. „Keine Zeit zum Ausruhen, es gibt noch so viel zu tun, Stichwort Gebäudeentwicklungsplan im Rahmen des Transformationsprozesses EKHN2030 – und zwar asap – as soon as possible!“
Es entspinnt sich ein vergnügliches Für- und Wider mit biblischen Bezügen wie „Ein alles hat seine Zeit“ (Koh 3). Auch ein Verweis auf Martin Luther darf nicht fehlen, gab doch der Reformator seinem fleißigen Freund Melanchthon den Rat, man diene Gott auch durch Nichtstun. – „Theologisch fundiertes Nichtstun sozusagen“, stellt Held augenzwinkernd fest. Dies könne man lernen, empfiehlt er seiner Kollegin und zeigt ihr direkt ein paar Atemübungen. Aber auch ein Beispiel aus dem Alltag hat er parat. Von Jugendlichen habe er gelernt, wie wichtig es sei, „ab und an nicht nur zu müssen, sondern auch mal unser Leben zu chillen, oder traditionell formuliert, ausruhen und den Sonntag zu heiligen“. Das, so der Dekan, „gibt unserem Alltag Struktur“, so schaffe der Sonntag als gestalteter Ruhetag Raum für Orientierung und zum Auftanken.
Nicht verlernen, sich eine Pause schenken lassen
Vielleicht brauche es von beidem etwas, „Aktivität wie Unterbrechung, Zeiten des Tätigseins und Zeiten, in denen wir zur Ruhe kommen, um uns auf Gott hin immer wieder neu auszurichten“, überlegt Christina Schultheis. Nachdenklich stellt sie fest, wie schwierig es sei, das rechte Maß zu finden und zu erkennen: „Was ist jetzt dran? Was braucht meine Kraft – und was braucht meine Geduld?“ Und sie merkt kritisch an, dass wir im Alltag „mehr und mehr verlernen, uns eine Pause schenken zu lassen“. Held ergänzt, der Sonntag erinnere in seinen Augen daran, „dass die Welt sich auch ohne unser Zutun weiterdreht“. Die Pfarrerin der Gesamtkirchengemeinde der Mainperlen kann inzwischen seinen Ansatz nachvollziehen: „Der Sonntag als Ruhetag ist ein Geschenk. Ein Stück gelebtes Gottvertrauen.“ Daher beschließt sie, die Akten dem Dekan zu übergeben und sich auch einmal eine Auszeit zu gönnen. Verdutzt kommentiert Held angesichts der unerledigten Aufgaben: „All diese Dinge laufen bis morgen aber auch nicht weg, dann aber kann ich mich ihnen mit neuer Kraft und frischem Geist zuwenden!“
Projektchor singt „A Little Jazz Mass“
Passend zum Charakter des Gottesdienstes gestaltete der Projektchor der Kantorei Seligenstadt und Mainhausen, verstärkt durch Sängerinnen und Sängern aus anderen Gemeinden im Dreieich-Rodgauer Kirchenkreis, den Gottesdienst mit schwungvollen Rhythmen. Begleitet von Marius Laurians dreiköpfiger Jazz-Band erklang unter Leitung von Dekanatskantorin Dorothea Baumann „A Little Jazz Mass“ von Bob Chilcott. Bei dem als ikonisch bezeichneten Stück, das 2004 beim Crescent Festival in New Orleans zur Uraufführung kam, setzt der britische Komponist und Dirigent, langjähriges Mitglied der King-Singers, die klassische „Missa brevis“ in unterschiedlichen Jazzstilen um, mal groovig, mal rockig, das Agnus Dei inspiriert vom Blues.
Der stellvertretende Präses Dr. Rainer Hollmann, im Dekanat zuständig für Kirchenmusik, dankte den Mitwirkenden und zeigte sich beeindruckt von ihrer Leistung. Vier Monate hatten rund 35 Sängerinnen und Sänger engagiert und mit viel Freude geprobt, verlangen doch „die extremen Kontraste in der Dynamik, dichte Akkorde mit eng nebeneinanderliegenden Tonlagen und die Phrasierung Präzision und Flexibilität“, wie Dorothea Baumann betont. Das Ergebnis begeisterte die Anwesenden und verlieh dem Dekanatsfestgottesdienst einen ganz besonderen Sound.
Der anschließende Johannisempfang im und um die Kirche bot reichlich Erfrischungen. Bei Snacks und kühlen Getränken nutzten zahlreiche Gäste die Gelegenheit zur Begegnung und zum Austausch in entspannter Atmosphäre.
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