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Siebenbürgen zwischen den Welten – und die Frage nach dem Wir

Siebenbürgen zwischen den Welten – und die Frage nach dem Wir

Siebenbürgen zwischen den Welten – und die Frage nach dem Wir

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Siebenbürgen zwischen den Welten – und die Frage nach dem Wir

Dracula war dabei. Ein „Ehegefängnis“ auch. Dazu ein Bischof, ein Kinderhospiz, orthodoxe Ikonen, eine ratternde Schmalspurbahn und so mancher laue Sommerabend bei gutem Essen und gekühlten Getränken. Sechs Tage lang waren Mitarbeitende der evangelischen Kirche zwischen Langen und Seligenstadt auf selbstorganisierter Fortbildungsreise durch Siebenbürgen unterwegs. Was nach einem ziemlich bunten Reiseprogramm klingt, entwickelte dabei einen überraschend klaren roten Faden: Wer ist eigentlich „wir“ – und wer sind „die anderen“?

© kf

Einfache Antworten darauf macht Siebenbürgen schwer. Rumänen, Ungarn, Siebenbürger Sachsen, Roma und andere Gruppen haben die Region geprägt; Sprachen, Kulturen und Konfessionen liegen dicht beieinander. Mal friedlich, mal konfliktreich, fast immer kompliziert. Und ziemlich spannend.

Dass die Gruppe dabei nicht nur an der touristischen Oberfläche blieb, war auch Horst Schuller zu verdanken, der sie als Guide durch Siebenbürgen begleitete und Geschichte dort greifbar machte, wo sie sich tatsächlich abgespielt hat. Fachkundige Ortskenntnis brachte zudem Pfarrer Alexandru Lita ein, gebürtiger Hermannstädter und heute Pfarrer in Seligenstadt, der die Reise im Team mit vorbereitet hatte. "Beide haben uns so manche Tür geöffnet, an der wir sonst achtlos vorbeigelaufen wären", dankte Dekan Steffen Held den beiden Gewährsleuten für Infos aus erster Hand.

Kleine Kirche, große Aufgaben

Los ging es in Hermannstadt/Sibiu. Beim Gespräch mit Bischof Reinhart Guib wurde schnell deutlich, wie sehr sich evangelisches Leben in Siebenbürgen verändert hat. Rund 10.500 Mitglieder gehören heute noch zur Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien, manche Gemeinden sind winzig, Pfarrer betreuen mitunter 15 bis 20 Dörfer. Eine kleine Kirche also – allerdings eine mit erstaunlich großer gesellschaftlicher Reichweite: Mehr als 600 Mitarbeitende engagieren sich in Bildung, Kultur und Diakonie.

Wie konkret das werden kann, zeigte die Begegnung mit Ortrun Rhein, die vom Aufbau und der Arbeit von Altenheim, Hospiz und Kinderhospiz berichtete. Vor allem der Besuch im Kinderhospiz ließ niemanden unberührt. Manche Kinder bleiben wenige Tage, andere Wochen; für einige werden die Menschen dort ein Stück weit zum Familienersatz. Es geht nicht darum, dem Leben möglichst viele Tage abzuringen, sondern den verbleibenden Tagen möglichst viel Leben zu geben.

Ein Satz von Ortrun Rhein blieb besonders hängen: „Mit das Wichtigste ist, den Kindern eine Geschichte zu geben.“

Bei dieser einen Begegnung soll es nach dem Willen der Reisegruppe nicht bleiben. Das Evangelische Dekanat Dreieich-Rodgau will nach Wegen suchen, die Arbeit des Kinderhospizes konkret zu unterstützen. Denkbar ist etwa eine Patenschaft für einen Platz beziehungsweise ein Hospizbett. Aus einer Bildungsreise könnte so eine Verbindung entstehen, die länger hält als sechs Tage.

Wer ist hier eigentlich „wir“?

Diese Frage tauchte in den folgenden Tagen immer wieder auf. Besonders handfest in der Kirchenburg von Birthälm/Biertan, fast 300 Jahre lang Sitz der evangelischen Bischöfe Siebenbürgens.

Schon die Bezeichnung „Siebenbürger Sachsen“ führt ein bisschen in die Irre. Seit dem 12. Jahrhundert kamen deutschsprachige Siedler aus unterschiedlichen Regionen ins Land; später etwa die Landler, die wegen ihres evangelischen Glaubens aus Österreich zwangsumgesiedelt wurden. Das vermeintlich eindeutige „Wir“ war also schon historisch vielfältiger, als sein Name vermuten lässt.

Und dieses Wir hatte eine ziemlich genaue Sitzordnung. In der Kirche waren die Plätze nach Alter und gesellschaftlichem Stand vergeben. Zu Neujahr wurden frei gewordene Plätze von hinten aufgefüllt: Man rückte zusammen.

Noch drastischer regelte die Gemeinschaft das Eheleben. Im berühmten „Ehegefängnis“ mussten scheidungswillige Paare eine Woche lang auf engstem Raum miteinander auskommen. Ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl, ein Teller, ein Löffel. Paartherapie auf Siebenbürgisch – nur ohne freiwillige Terminvereinbarung.

Die Anekdote hat Unterhaltungswert. Die andere Seite ist weniger lustig: Eine Gemeinschaft, die Schutz und Heimat gab, griff zugleich tief ins Privatleben ein. Besonders Frauen hatten deutlich weniger Möglichkeiten, eine Ehe zu verlassen.

So bekam das Zusammenrücken seinen doppelten Boden: Es kann Menschen zusammenbringen. Man kann aber auch so eng zusammenrücken, dass für andere kein Platz mehr bleibt.

Vampirromantik und gutbürgerliche Wirklichkeit

Dass Wirklichkeit meistens komplizierter ist als die Geschichten, die über sie erzählt werden, passte hervorragend zu einem weiteren Reisebegleiter: Dracula.

In seiner Morgenandacht gab Kai Fuchs der Gruppe drei Gedanken mit auf den Weg: Genauer hinsehen – die Wirklichkeit ist meist komplizierter als die Geschichten, die wir uns erzählen. Auf das achten, was wir längst für überwunden halten – manches wird erstaunlich lebendig. Und danach suchen, wo Menschen anderen ein bisschen mehr Leben ermöglichen.

Wenig später folgte die praktische Übung: Schloss Bran, weltweit als „Dracula-Schloss“ vermarktet. Bram Stokers erfundener Graf hat dort nie gewohnt, und auch die Verbindung des historischen Vlad Țepeș mit Bran ist äußerst dünn. Das hindert Souvenirshops, Fotomotive und Vampirromantik allerdings nicht an einem ausgesprochen vitalen Nachleben.

Geschichte, Literatur, Legende und Geschäft verschmelzen hier zu einer ziemlich erfolgreichen Erzählung. Und plötzlich stand die Frage aus der Andacht mitten im Burghof: Welche Geschichten bestimmen unseren Blick auf die Wirklichkeit?

In Kronstadt/Brașov wurde es historischer, aber nicht weniger vielschichtig. Die stattlichen Bürgerhäuser der sprichwörtlichen „Siebenbürger Pfeffersäcke“ erzählen von wohlhabenden Kaufleuten und einem Handelsplatz zwischen Mittel- und Südosteuropa. Zugleich war Kronstadt Glaubens- und Bildungszentrum der Siebenbürger Sachsen; mit Johannes Honterus gingen von hier wichtige Impulse für die Reformation aus. Sachsen, Ungarn und Rumänen lebten dicht beieinander, handelten miteinander und brauchten einander – gleichberechtigt waren sie deshalb noch lange nicht.

Von der evangelischen Minderheit zur orthodoxen Mehrheit

Am letzten Tag kehrte die Gruppe nach Hermannstadt zurück – und wechselte noch einmal gründlich die Perspektive. Der rumänisch-orthodoxe Altdekan Prof. Dr. Dorin Oancea empfing sie an der orthodoxen theologischen Fakultät. In der großen Kathedrale führte er in orthodoxe Spiritualität und Glaubenspraxis ein; anschließend wurde diskutiert.

Damit schloss sich ein schöner Kreis: Begonnen hatte die Reise bei einer kleinen evangelischen Minderheitenkirche, am Ende stand die Begegnung mit der orthodoxen Tradition, die Rumänien bis heute wesentlich prägt. „Wir und die anderen“ bedeutete hier gerade nicht, auf Abstand zu bleiben. Man ging hinein, hörte zu, fragte nach und kam ins Gespräch.

Im Dorf Sibiel bekamen die Reisenden schließlich noch eine andere religiöse Sprache zu sehen: Im Ikonenmuseum erzählen Bilder vom Glauben – nicht als Dekoration, sondern als Teil gelebter Spiritualität.

Was im Reiseprogramm nicht steht

Pfarrer Marcus Losch hatte diesen letzten Tag mit einer Andacht unter der Überschrift „Erinnerungen sammeln“ begonnen. Davon gab es nach sechs Tagen reichlich.

Zum Beispiel das Rattern der Schmalspurbahn durchs Harbachtal: alte Technik, Landschaft, Fahrtwind und eine ganze Reisegruppe auf Schienen – Natur-, Technik- und Gemeinschaftserlebnis in einem.

Oder die lauen Sommerabende mit lokalem Essen und gekühlten Getränken auf den Plätzen und in den Gassen pittoresker Städte. Dort war der viel beschworene kulturelle Schmelztiegel zwischen Ost und West plötzlich kein Bildungsprogramm mehr, sondern Atmosphäre: sitzen bleiben, schauen, essen, hören, reden – und vielleicht noch ein Getränk bestellen.

Vor allem aber stand in keinem Programm, wie gut diese Reisegruppe miteinander funktionieren würde. Hauptamtliche aus unterschiedlichen Professionen und Arbeitsfeldern, verschiedene Temperamente und Blickwinkel, viel Gespräch, tägliche Andachten, Diskussionen, Widerspruch – und erfreulich viel zu lachen. Aus einer Fortbildungsreise wurde damit auch ein Stück kollegiale Fortbildung im besten Sinne: voneinander lernen, indem man miteinander unterwegs ist.

Und so kamen nach sechs Tagen nicht nur Fotos, Geschichten und ein paar siebenbürgische Spezialitäten mit zurück nach Hessen. Sondern Fragen, die sich nicht so einfach in den Koffer packen lassen:

Wie entsteht ein „Wir“? Was hält es zusammen? Wann wird aus Schutz Abgrenzung? Welche Geschichten bestimmen unseren Blick auf andere? Und wie gelingt Gemeinschaft, ohne dass jemand draußen bleiben muss?

Vielleicht ist eine Antwort darauf unterwegs schon aufgetaucht: zusammenrücken – und Platz machen.

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