30/06/2026 0 Kommentare
Nur wer loslässt, besitzt
Nur wer loslässt, besitzt
# ANgeDACHT

Nur wer loslässt, besitzt
ANgeDACHT für Juli 2026 von Dr. Michael Grevel,
Präses der Dekanatssynode des Evangelischen Dekanats Dreieich-Rodgau
Liebe Leserin, lieber Leser,
ich möchte heute meinen Fokus auf den Beginn der dritten Seligpreisung aus der Bergpredigt (Matthäus 5,5) legen:
„Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.“
Das ist in der heutigen Zeit eine richtige Herausforderung: Sanftmut.
Doch was ist Sanftmut?
Die KI gibt mir einige Antworten, die für mich einleuchtend sind: Sanftmut beschreibt ein friedfertiges, geduldiges Wesen. Sanftmütige Menschen besitzen oder entwickeln Einfühlungsvermögen, die Welt oder die Situation mit den Augen des Gegenübers zu sehen. Sanftmut vermeidet Härte und Aggressivität.
Also ist ein sanftmütiger Mensch ein Weichei, ein Schwächling, ein Leisetreter? Und solche Frauen und Männer sollen das Erdreich besitzen? Ein Blick in die Zeitungen oder Nachrichten zeigt mir genau das Gegenteil: Die lauten, polternden, lügenden Menschen geben den Ton an, bestimmen über Krieg und Frieden, schreiben uns vor, was wir zu denken haben.
Und dagegen die Sanftmütigen – wo sind sie in unserer Welt, in der nur in der Währung „Aufmerksamkeit“ bezahlt wird? Keine Lüge ist zu dreist, keine Ungeheuerlichkeit ist zu groß, um immer wieder in die Schlagzeilen zu kommen.
„Wo sind die Sanftmütigen?“, frage ich noch einmal. Ich sehe kaum sanftmütige Menschen – spontan fällt mir unter meinen Mitmenschen nur der Dalai-Lama ein. Er ist seit langem aus seinem Land vertrieben – doch wenn er anderen Menschen begegnet, entsteht ein Raum für Frieden und Wertschätzung. Ich bin ihm nur einmal vor vielen Jahren im gleichen Flugzeug begegnet – das war ein besonderer Moment für mich.
Aber ich schaue auf den zweiten Halbsatz der Seligpreisung:
„...denn sie werden das Erdreich besitzen.“
Vielleicht hilft noch ein kurzer Blick auf den, der diese Worte gesprochen hat: Jesus selbst beschreibt sich als „sanftmütig und von Herzen demütig“ (Matthäus 11,29). Er zwingt niemanden in die Knie, und er gewinnt keine Macht über Menschen. Sein Weg führt über Vertrauen, Aufrichtigkeit, Barmherzigkeit und Liebe. Als er verhaftet wird, greift er nicht zu den Waffen. Als er verspottet wird, schlägt er nicht zurück.
Gerade darin zeigt sich eine Stärke, die unsere Welt oft übersieht. Die Sanftmut, von der Jesus spricht, ist keine Schwäche. Sie wächst aus der Gewissheit, dass Gottes Zukunft nicht von Lautstärke, Drohungen oder Gewalt abhängt.
Und so heißt es auch in der Bergpredigt nicht „beherrschen“, „unterjochen“, „militärisch in die Knie zwingen“ – es heißt: „besitzen“. Ich werde bei Mahatma Gandhi fündig: "Was ich wirklich besitze, kann ich auch abgeben. Denn wenn ich einen Besitz nicht abgeben kann, dann besitzt er mich."
Es sind die Sanftmütigen, die das Erdreich, das Land oder auch das Haus abgeben können, ohne großen Schaden zu nehmen. Deshalb lächelt der Dalai-Lama, wenn ich ihn auf Bildern sehe. Er besitzt sein Land.
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