03/06/2026 0 Kommentare
Keine (verlorene) Zeit!
Keine (verlorene) Zeit!
# ANgeDACHT

Keine (verlorene) Zeit!
ANgeDACHT für Juni 2026 von Andrea Klem, Erzieherin und stellvertretende Vorsitzende der Mitarbeitendenvertretung (MAV) des Evangelischen Dekanats Dreieich-Rodgau
Das Tagesgeschenk
Stell dir vor, jeden Morgen stellt dir eine Bank 86400 Euro auf deinem Konto zur Verfügung. Du kannst den gesamten Betrag an einem Tag ausgeben. Allerdings kannst du nichts sparen. Was du nicht ausgegeben hast, verfällt. Aber jeden Morgen, wenn du erwachst, eröffnet dir deine Bank ein neues Konto mit 86400 Euro für den kommenden Tag. Außerdem kann die Bank das Konto jederzeit ohne Vorwarnung schließen. Sie kann sagen: Das Spiel ist aus. Was würdest du dann tun?
Dieses Spiel ist Realität: Jeder von uns hat so eine magische Bank: die Zeit. Jeden Morgen bekommen wir 86400 Sekunden Leben für den Tag geschenkt. Was wir an diesem Tag nicht gelebt haben, ist verloren, für immer verloren. Aber jeden Morgen beginnt sich das Konto neu zu füllen. Was also machst du mit deinen täglichen 86400 Sekunden?
(Marc Levy)
Als ich diese Geschichte das erste Mal gehört habe, waren meine Gedanken, dass ich mir bewusst machen soll, dass dieses Geschenk einmalig ist, und dass etwas verloren gehen kann, wenn ich mit diesem Geschenk nicht richtig umgehe.
Dann habe ich gedacht: Eigentlich lebe ich ja ziemlich bewusst, sehe eher die positiven Dinge und versuche auch bei den negativen noch, das Gute zu erkennen.
Dann hörte ich diese Geschichte ein zweites Mal und fing an zu überlegen, ob es doch noch Dinge gibt, die ich ändern könnte, um meine Zeit wertvoll zu füllen. Ich bemerkte, dass diese Frage auch viel Stress machen kann – und ist das nicht verlorene Zeit, wenn ich sie mit Stress verbringe?
Dann aber stellte ich mir die Frage, wie Zeit überhaupt verloren gehen kann. Ist Zeit nur wertvoll, wenn es uns gut geht, wenn wir fröhlich sind, wenn wir etwas „Sinnvolles“ damit machen?
Ich bin die Möglichkeiten durchgegangen, bei denen Zeit verloren gehen könnte. Sachen, die man nicht gerne macht: bei mir Fenster putzen, ein Graus, und es bedarf einer längeren mentalen Vorbereitung. Während ich Fenster putze, tue ich mir auch sehr leid, aber hinterher freue ich mich darüber, den inneren Schweinehund überwunden zu haben – und auch noch über saubere Fenster. Also: keine verlorene Zeit.
Ja, und da war ja noch der Gedanke mit dem Stress… Ich habe Stress, wenn ich zu viele oder schwierige Dinge zu tun habe, wenn sich Termin an Termin reiht, wenn ich das Gefühl habe: Das wird nichts, ich packe es nicht.
Aber die Dinge werden erledigt, sind wichtig, machen auch oft Spaß, und am Schluss klappt irgendwie alles, oder es gibt andere Lösungen. Also: keine verlorene Zeit.
Weitergedacht – vielleicht wenn ich einfach faul auf der Couch liege, obwohl draußen das schönste Wetter ist? Nun ja – auch das tut mal gut. Und wie ist es mit der Zeit, in der ich mich ärgere, mich streite? Sagt man nicht oft: Ärgere dich nicht, das ist nur verlorene Lebenszeit? Ist das wirklich so?
Sagt man nicht auch, man macht seinem Ärger Luft, das erleichtert? Und wenn ich mich streite, dann kommt die Versöhnung oder auch die Erkenntnis, dass man das auch hätte anders angehen können? Verlorene Zeit? Wohl eher nicht.
Wie ist das mit der Zeit, wenn ich traurig bin? Wenn sich nichts mehr gut anfühlt? Trauer braucht ihre Zeit, und wie oft hat man Menschen an seiner Seite, die trösten, und es fühlt sich einfach gut an.
Und dann ist da noch die Gewissheit: Gott ist bei mir, zu jeder Zeit, immer. Er trägt mich, er umgibt mich, er hält mich, er begleitet mich. Kann Zeit verloren sein, in der Gott bei mir ist?
Für mich ist die Antwort ganz klar: Nein, ich habe keine verlorene Zeit!
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