06/05/2026 0 Kommentare
ANgeDACHT: Spitzen zwischen Spargeln
ANgeDACHT: Spitzen zwischen Spargeln
# ANgeDACHT

ANgeDACHT: Spitzen zwischen Spargeln
ANgeDACHT für Mai 2026 von Kai Fuchs, Referent für Öffentlichkeitsarbeit im Evangelischen Dekanat Dreieich-Rodgau
Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer? Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache? Parther und Meder und Elamiter und die da wohnen in Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia, Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Römer, die bei uns wohnen, Juden und Proselyten, Kreter und Araber: Wir hören sie in unsern Sprachen die großen Taten Gottes verkünden. (Apostelgschichte 2, 8-11)
Der Satz fällt eher nebenbei, irgendwo zwischen Vorspeise und Nachschlag: Onkel Horst sagt wieder etwas über Politik, meine Nichte Amira verdreht die Augen, eine Gabel scheppert auf den Teller, Muttern fragt in die Runde, ob noch jemand Spargel will. Und plötzlich ist der Raum ein anderer. Denn jetzt wird es wieder kompliziert.
So laufen viele Gespräche heute - und ich glaube: damals auch. Ein Stichwort genügt, und schnell ist klar, wie die Lage angeblich ist: Boomer hier, Gen Z da, Stadtschnösel gegen Landeier, von „alter weißer Mann“ bis „woker Genderwahn“. Es geht kaum noch um das, was gesagt wird, sondern darum, wer es sagt, und aus welcher Ecke es kommt.
Das ist praktisch, weil es uns die Mühe des Nachdenkens spart. Aber es kostet uns persönlich und uns als Gesellschaft auch etwas: Wer festgelegt ist, wird selten noch wirklich gehört und findet andere Wege, sich zu äußern.
Pfingsten erzählt eine andere Möglichkeit. Menschen aus allen möglichen Gegenden kommen zusammen – „Parther, Meder und Elamiter…“ – und verstehen einander. Auch die leisen und die Zwischentöne.
Nicht, weil sie alle gleich werden, sondern weil etwas dazukommt. „Wir hören sie in unseren eigenen Sprachen“, heißt es. Für mich übersetzt: Verständigung passiert. Ich sehe, wo du herkommst, auch mit deinen Gedanken und Erfahrungen. Und das hilft mir, dich zu verstehen und das, worum es dir eigentlich geht.
Vielleicht spricht die Evangelische Kirche in Deutschland deshalb in ihrer aktuellen Pfingstaktion von „Verständigungsorten“ – Räumen, in denen Gespräche nicht sofort abbrechen, in denen mehr gesprochen und weniger etwas abgesprochen wird.
Und gleichzeitig wurde gerade an anderer Stelle ziemlich klar benannt, wo diese Verständigung an Grenzen stößt. Die Kirchen in Sachsen-Anhalt haben es sehr deutlich formuliert: Es gibt Programme und Haltungen, die grundlegende Werte wie Menschenwürde und Zusammenhalt infrage stellen, aktiv untergraben und den Boden verlassen, auf dem Verständigung möglich ist. Und auch die Synode unserer hessen-nassauischen Kirche hat gerade beschlossen, dass sich diskriminierende Haltungen und Äußerungen nicht mit einem Leitungsamt in der Kirche vereinbaren lassen, sei es Kirchenvorstand oder Kirchenleitung.
Pfingsten heißt gerade nicht, dass man "nichts mehr sagen darf". Pfingsten heißt: wieder Worte und Äußerungen finden, die gehört werden - auf allen Seiten des Esstischs. Denn vielleicht gehört genau das dazu – dass die Worte nicht fehlen, wenn Unrecht benannt werden muss. Dass Widerspruch möglich bleibt, ohne dass alles sofort verhärtet. Dass wir ein bisschen länger zuhören und nachfragen, wo es möglich ist. Und die richtigen Worte finden, wo es nötig ist.
Und vielleicht sähe es dann sogar am Tisch zwischen den Spargelspitzen ein kleines bisschen anders aus.
Horst würde trotzdem reden und Amira die Augen verdrehen.
Aber jemand würde nachfragen.
Und jemand würde, wo nötig, sagen: So bitte nicht!
Am Ende geht es nicht darum, dass alle gleich denken. Sondern darum, dass wir einander nicht verlieren.
Komm, Heiliger Geist. Mach uns sprach- und hörfähig.
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