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250 Jahre Götzenhainer Kirche: Ein „Anders-Ort“ feiert runden Geburtstag

250 Jahre Götzenhainer Kirche: Ein „Anders-Ort“ feiert runden Geburtstag

250 Jahre Götzenhainer Kirche: Ein „Anders-Ort“ feiert runden Geburtstag

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250 Jahre Götzenhainer Kirche: Ein „Anders-Ort“ feiert runden Geburtstag

Wer nach einem verheerenden Sturm zuerst an den Wiederaufbau einer Kirche denkt, hat offenbar klare Prioritäten. Genau das taten die Götzenhainer im Jahr 1775. Nachdem ein Wirbelsturm ihre alte Kirche zerstört hatte, legten sie schon wenige Monate später den Grundstein für einen Neubau und feierten ein Jahr später an Weihnachten Einweihung. An dieses Kapitel Ortsgeschichte erinnerte die Evangelische Kirchengemeinde Götzenhain am Wochenende mit einem großen Jubiläumsprogramm zum 250-jährigen Bestehen ihrer Kirche. 

Den Höhepunkt bildete ein Festgottesdienst mit der stellvertretenden Kirchenpräsidentin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Ulrike Scherf, die der historischen Entscheidung eine überraschend aktuelle Deutung gab. Zuvor hatten eine akademische Feier mit Festvortrag des Ersten Stadtrats und Götzenhainer Kirchenvorstehers Holger Dechert sowie das traditionelle Dorfbrunnenfest zahlreiche Besucherinnen und Besucher rund um die Kirche zusammengeführt.

Warum die Götzenhainer nicht lange zögerten

Warum die Menschen damals trotz aller Not und Zerstörung ausgerechnet ihre Kirche so rasch wieder errichteten, stand im Mittelpunkt von Scherfs Predigt. Ihre Antwort suchte die Theologin nicht in Architektur oder Baugeschichte: Kirchen seien „Anders-Orte“, sagte sie. Orte, an denen andere Maßstäbe gelten als im Alltag. Orte, an denen Menschen zur Ruhe kommen, Lasten teilen und neue Kraft schöpfen können.

Ausgehend von Jesu Worten „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“ sprach Scherf über die Sehnsucht nach Orientierung und Entlastung in einer Zeit voller Krisen, Unsicherheiten und Zukunftssorgen. Jesus verspreche kein leichtes Leben, wohl aber Erquickung, Aufatmen und die Erfahrung, Lasten nicht allein tragen zu müssen. Solche Orte brauche es heute mehr denn je.

Die Menschen in Götzenhain hätten das bereits vor 250 Jahren gewusst, sagte Scherf. Als die alte Kirche zerstört wurde, hätten sie nicht einfach ein beschädigtes Gebäude ersetzt, sondern einen Ort zurückhaben wollen, an dem Hoffnung, Gemeinschaft und Vertrauen wachsen können. „Menschen leben nicht nur von dem, was sie haben, sondern von Hoffnung und Gemeinschaft, Glauben und Vertrauen darauf, dass Gott sie begleitet und trägt“, sagte die stellvertretende Kirchenpräsidentin. Kirchen seien deshalb keine bloßen Zweckbauten, sondern Orte, an denen Menschen erfahren: „Ich bin nicht allein.“

Musikalisch spiegelte der Festgottesdienst die Vielfalt der Gemeinde wider. Der Posaunenchor Götzenhain unter Leitung von Franz Fink, die Gemeindeband „Colours of Life“, der Evangelische Projektchor Dreieich unter Leitung von Dekanatskantorin Claudia von Savigny sowie Gabriele Urbanski an der Orgel gestalteten die Feier gemeinsam. Klassische Kirchenmusik traf auf moderne Klänge, Beethoven auf neue geistliche Lieder. Zum Finale erklang sogar eine eigens zum Jubiläum gedichtete zusätzliche Strophe zur „Ode an die Freude“, auch eine Zeitgenössin der Kirche, die letztere als „Gottes Haus für Alt und Jung“ würdigte.

In den anschließenden Grußworten wurde die Bedeutung der Kirche für Gemeinde und Stadt aus unterschiedlichen Perspektiven gewürdigt. Synodenpräses Dr. Michael Grevel verglich Kirche mit einem Marathonlauf, der Ausdauer, Hoffnung und die Bereitschaft zum Weitergehen brauche, „denn wir sind noch nicht am Ziel“. Dreieichs Bürgermeister Martin Burlon dankte der Kirchengemeinde für ihr kulturelles, soziales und geistliches Engagement und bezeichnete sie als offenen, kreativen und lebendigen Teil des städtischen Gemeinwesens. Für die Evangelische Kita erinnerte Leiterin Marina Engel daran, dass Glaube nicht erst im Jugend- oder Erwachsenenalter beginne, sondern schon für Kinder im Staunen, Entdecken, Schauen Trösten und Danken erfahrbar werde – „auch und gerade in dieser Kirche“. Auch die langjährige frühere Gemeindepfarrerin Martina Schefzyk sowie die katholische Schwestergemeinde St. Marien überbrachten Glückwünsche.

Nach dem Gottesdienst verlagerte sich das Festgeschehen auf den Kirchplatz und in die Gemeinderäume. Dort wartete bereits das von den „Kochenden Männern“ der Kirchengemeinde vorbereitete Fingerfood, das bei den Gästen großen Anklang fand. Zwischen herzhaften Häppchen, guten Gesprächen und vielen Wiedersehen wurde deutlich, was an diesem Wochenende immer wieder sichtbar wurde: Die Kirche lebt nicht allein von ihrer Geschichte, sondern vor allem von den Menschen, die sie mit Leben füllen.

Als ein Sturm das Dorf verwüstete

Bereits am Freitagabend hatte der langjährige Götzenhainer Kirchenvorsteher Holger Dechert die Gäste auf eine ebenso kenntnisreiche wie kurzweilige Reise durch mehr als 600 Jahre Orts- und Kirchengeschichte mitgenommen. Dabei wurde deutlich, dass die Geschichte der Gemeinde weit älter ist als das heutige Kirchengebäude.

Zu den dramatischsten Kapiteln gehört die Zeit nach der Reformation. Über mehr als ein Jahrhundert stritten verschiedene Herrschaften und Konfessionen um die Kontrolle über die Gemeinde. Die Kirche wurde zeitweise verschlossen, Pfarrer verhaftet und Gottesdienste verhindert. Ein reformierter Geistlicher predigte einmal vor leeren Bänken, weil die Götzenhainer lieber Gottesdienste in lutherischen Nachbarorten besuchten. Ein anderer Pfarrer berichtete später, die Kirche sei zeitweise sogar als Heu- und Strohlager genutzt worden.

Den größten Einschnitt markierte jedoch das Jahr 1774. Ein gewaltiger Sturmwirbelwind beschädigte nahezu das gesamte Dorf, deckte Häuser ab, ließ Gebäude einstürzen und zerstörte mehr als tausend Obstbäume. Die Kirche wurde so schwer getroffen, dass sie abgerissen werden musste. Der Gottesdienst fand daraufhin vorübergehend in einem Brauhaus statt, während die Glocken weiterhin vom alten Kirchturm zum Gottesdienst riefen.

Doch die Gemeinde verlor keine Zeit. Bereits am 20. März 1775 wurde der Grundstein für die heutige Kirche gelegt. An Weihnachten 1776 feierten die Götzenhainer dort schon wieder Gottesdienst. Genau dieser Entschluss, trotz aller Schwierigkeiten sofort neu anzufangen, stand für Ulrike Scherf sinnbildlich für die Bedeutung der Kirche bis heute.

Heu in der Kirche und eine Sanduhr für den Pfarrer

Neben den großen historischen Linien sorgte Dechert immer wieder für Schmunzeln. So geht die Götzenhainer Kerb vermutlich auf den Weihetag der mittelalterlichen Vorgängerkirche zurück und dürfte inzwischen mehr als 600 Jahre alt sein.

In der neuen Kirche besaß ursprünglich nahezu jeder Einwohner seinen fest zugewiesenen Platz. Frauen, Männer, Töchter und Burschen saßen streng getrennt. Selbst die Sitzordnung spiegelte die gesellschaftlichen Verhältnisse der damaligen Zeit wider.

Auch die Pfarrer mussten sich gelegentlich zügeln lassen. Als die Kirche 1930 renoviert wurde, erhielt die Kanzel einen Sanduhrhalter. Er sollte dafür sorgen, dass die Predigten nicht allzu sehr ausuferten. Die Sanduhr ist längst verschwunden – die Geschichte dahinter blieb.

Ein Fest aus dem Ort für den Ort

Dass die Kirche auch heute noch ein Mittelpunkt des Gemeindelebens ist, zeigte das Dorfbrunnenfest am Samstag. Rund um den Kirchplatz kamen Vereine, Gruppen und zahlreiche Gäste zusammen. Die Kirchengemeinde beteiligte sich mit einem eigenen Stand am Festgeschehen. Besonders gefragt war ein eigens zum Jubiläum kreierter „Fest-Sprizz“.

Wie eng Kirche und Dorf bis heute verbunden sind, zeigte sich nicht nur am Festbetrieb selbst. Feuerwehr, Vereine, Initiativen und Kirchengemeinde gestalteten das Wochenende gemeinsam. Die Kirche war dabei weit mehr als die historische Kulisse des Festes. Sie stand im Zentrum eines Jubiläums, das Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verband.

Oder, um es mit dem Gedanken aus Scherfs Predigt zu sagen: Die Götzenhainer bauten ihre Kirche damals nicht einfach wieder auf, weil ein Gebäude fehlte. Sie bauten sie wieder auf, weil sie einen Ort brauchten, den ein Dorf nicht verlieren sollte.

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